Selbsthilfe

Der folgende Text von Hans-Arved Willberg ist im Fachmagazin ChrisCare erschienen:

Ein Mensch brennt aus, wenn er über einen langen Zeitraum hinweg etwas mit sich geschehen lässt, das ihm gar nicht gut tut. Ja, so einfach ist das. „It’s simple, but not easy“, pflegte Albert Ellis, einer der Pioniere der Kognitiven Verhaltenstherapie, in solchen Fällen zu sagen. Wir machen oft den Fehler, dass wir „simple“ und „easy“ verwechseln. Viele Lösungen sind wirklich ganz einfach, was aber noch lange nicht heißt, dass sie einfach umzusetzen sind. Wir gehen uns selbst auf den Leim, wenn wir von den Umsetzungsschwierigkeiten auf die Lösung an sich zurückschließen und uns dann einbilden, sie sei in Wirklichkeit doch kompliziert, statt uns darauf zu besinnen, dass die Lösung wirklich die Lösung ist. Der Schlüssel zur Überwindung des Problems. Mit dem Lösungsschlüssel öffnet sich wirklich die Tür. Das Problem liegt sehr oft nur darin, dass wir nicht über die Schwelle kommen. „Ich weiß es ja im Kopf“, höre ich alle Tage in den Beratungsgesprächen - und dann folgt ein gewichtiges „Aber...“. „Der Kopf ist wichtig!“, antworte ich manchmal, wenn ich den Eindruck habe, mein Gegenüber halte sich nur für handlungsfähig, wenn sein „Bauchgefühl“ ihm die Entscheidung bestätigt.

„Aber es ist doch eine Illusion, immer von sich fern halten zu wollen, was einem nicht gefällt!“ Danke für den Einwand, lieber Leser, er ist wichtig. Und natürlich haben Sie hunderprozentig recht! Ich räume sogar ein, dass es unumgängliche Burnouterfahrungen gibt, wo alles so ungünstig zusammen kommt, dass ein Mensch einfach daran kaputt geht. Aber ich behaupte, dass dies eher seltene Ausnahmen sind. Normalerweise ist es so: Wir könnten etwas dagegen tun, aber wir lassen die Chancen verstreichen. Bis wir nicht mehr können. Es gibt drei Hauptfaktoren, die zum Burnout führen:

Faktor A: Übermäßige äußere Belastungen
Faktor B: Übermäßige innere Forderungen
Faktor C: Falsche Wege.


Ich will es kurz erklären: Äußere Belastungen sind alles, was uns widerfährt und zu tragen gibt, zum Beispiel ungünstige Arbeitsverhältnisse, schwierige Kinder, finanzielle Sorgen, körperliche Krankheiten. Innere Forderungen sind Ansprüche, die wir an uns selbst, die anderen und das Leben stellen. Und falsche Wege sind Versuche der Lebensgestaltung, die einfach nicht zu uns passen, wenn zum Beispiel der richtige Mann am falschen Arbeitsplatz zum Einsatz kommt, wo er sich einfach nicht wohlfühlen und seine Leistung bringen kann. Nur einen dieser drei Faktoren müssen wir unter Umständen mit uns geschehen lassen, ob wir wollen oder nicht: Faktor A. Und das auch nur unter Umständen! Denn sehr viele Belastungen können wir sehr wohl verändern. Sehr viele andere Belastungen, die nicht zu ändern sind, können wir gleichwohl so in unser Leben integrieren, dass wir trotzdem nicht allzu viel Stress haben. Nein, das ist nicht easy, aber dennoch oft möglich. Öfter, als wir denken mögen.

„Love it, change it or leave it“, sagt man in England. Ein fast unangenehm simpler Spruch, aber doch so wahr! „Love it“ ist natürlich ein bisschen dick aufgetragen. „Akzeptiere es!“ scheint mir realistischer. Ja wirklich, das kann wahnsinnig schwer fallen. Aber es ist doch das Ziel aller Krisenverarbeitung, immer dort, wo nichts zu ändern ist an den Verhältnissen. Wenn ich zur Akzeptanz durchgedrungen bin, dann geht es auch wieder. Dann kann ich wirklich damit leben. Dann habe ich Frieden gefunden. Es gibt so viele wunderbare, sehr ermutigende Beispiele dafür, von Menschen, die Schwerstes in ihr Leben integriert haben und nun nicht mehr sagen: Es tut mir nicht gut. Sondern: Es ist gut so wie es ist!

Aber wir sollten uns nur zur Akzeptanz entschließen, wenn wir wirklich gute Gründe dazu haben: Weil es nun einmal nicht anders geht oder weil der Preis für eine Veränderung einfach zu hoch wäre. Eine Ehe verlassen, weil die Belastung so überaus groß geworden ist? Das will gut überlegt sein. Der Preis ist sehr, sehr hoch! Alle Veränderung hat ihren Preis. Darum geht es: Sich klar zu machen, was sie tatsächlich kostet. Oft haben wir die wildesten Phantasien darüber, was passieren würde, wenn wir größere Veränderungen wagen würden. In der Regel sind diese Ängste überzogen. Oft hindern uns die inneren Forderungen daran: „Das darfst du doch nicht!“ „Du musst das aushalten!“ Wirklich? Wenn wir genau und mutig hinschauen, zeigt sich meist, dass es doch einen gangbaren Weg gibt. Vielleicht ist er gar nicht toll und besteht nur ganz schlicht im geringeren Übel. Aber immerhin, es ist das geringere! Es wird also besser: Ein Schritt des Weges aus der Krise.

Wie können Sie rechtzeitig und nachhaltig verhindern, in einen Burnout zu geraten? Es wird Ihnen gelingen, wenn Sie sich den folgenden Fragen stellen und beherzt die Konsequenzen ziehen:

  • Gibt es in meinem Leben derzeit Belastungen, die ich entweder nicht ändern kann oder deren Änderung definitiv zu viel kosten würde? Wenn Sie mit „ja“ antworten, dann stehen Sie vor der Herausforderung, diese Belastungen anzunehmen, Frieden zu finden, sie als Teil ihres Lebens zu akzeptieren. Das mag sehr schwer sein. Aber stellen Sie sich bitte dieser Herausforderung mit ganzem Herzen. Wenn Sie das schaffen, werden Sie nicht ausbrennen.
  • Gibt es in meinem Leben derzeit Belastungen, die nicht notwendig sein müssten, die ich aber in Kauf nehme, weil ich Angst habe, resigniert habe oder zu bequem bin? Wenn Sie mit „ja“ antworten, dann stehen Sie vor der Herausforderung, die fällige Veränderung endlich in Angriff zu nehmen. Schieben Sie es nicht mehr auf die lange Bank! Wenn Sie mutig in die Offensive gehen und dann die Erfahrung machen, nicht mehr Opfer der Verhältnisse zu sein, werden Sie nicht ausbrennen. 
  • Bin ich überfordert, weil ich mich dauernd in Tätigkeiten engagiere, die mir gar nicht liegen? Wenn Sie mit Ja antworten, dann zögern Sie bitte nicht, Bilanz und einen Schlussstrich zu ziehen. Weniger ist mehr! Verzichten Sie auf diese Stressfaktoren, auch wenn Ihr innerer Anspruch sich dem verweigert. Gehorchen Sie ihm nicht. Es wird nicht ohne Einschnitt gehen. Haben Sie den Mut dazu!

[Das Copyright liegt beim Verfasser.]